← Alle Beiträge

RustDesk statt TeamViewer: Fernwartung, die in Ihrem Netz bleibt

Matthias Böhm

Fernwartung ist unser tägliches Handwerk. Kein Arbeitstag vergeht, an dem wir nicht irgendwo einen Arbeitsplatz von außen erreichen: ein Outlook-Problem, ein Drucker, der spinnt, eine Anwendung, die sich aufhängt. Das Werkzeug dafür ist bei fast jedem Systemhaus dasselbe: TeamViewer oder AnyDesk.

Auch wir haben jahrelang genau diese Tools benutzt. Sie sind gut – und genau deshalb lohnt sich ein ehrlicher Blick auf das, was sie ausmacht: Jede Sitzung läuft über die Cloud des Herstellers. Für die Fernwartung beim Kunden heißt das: Der Remote-Zugriff auf einen Mitarbeiterplatz läuft über Server, die TeamViewer oder AnyDesk gehören.

Seit einiger Zeit setzt unsere Fernwartung auf RustDesk mit einem selbst gehosteten Relay-Server – im eigenen Netz und bei Kunden installiert. In diesem Beitrag erklären wir, warum, wie das technisch funktioniert und wo die Grenzen liegen.

Was an den etablierten Tools stört

Keine der heutigen Aussagen ist eine Qualitätskritik – TeamViewer und AnyDesk funktionieren zuverlässig. Es sind drei andere Dinge:

  • Der Datenfluss: Jede Fernwartungssitzung – inklusive dessen, was auf den geteilten Bildschirmen sichtbar ist – läuft über die Infrastruktur des Herstellers. Nicht selten in Rechenzentren außerhalb Europas. Für Angebote, Kundendaten und Anwendungen, die dabei auf dem Bildschirm stehen, ist der Hersteller Teil des Datenflusses – mit Auftragsverarbeitungsvertrag zwar, aber eben Teil davon.
  • Das Lizenzmodell: Kommerzielle Remote-Tools lizenzieren typischerweise pro gleichzeitiger Sitzung oder pro Betreuer. Bei einem Systemhaus mit mehreren parallelen Fernwartungsfällen summieren sich Sitzlizenzen zu einem erheblichen Jahresbetrag – für ein Werkzeug, das man eigentlich nur für Hilfe nutzt.
  • Sicherheitsvorfälle bei den Anbietern: TeamViewer und AnyDesk hatten in den letzten Jahren jeweils Vorfälle zu bewältigen, bei denen Zugangsdaten bzw. Zertifikate mitbetroffen waren. Jedes Mal mussten Nutzer Passwörter ändern und Vertrauen erneuern – ohne eine Alternative, die man sofort umschalten könnte.

Was RustDesk ist

RustDesk ist eine Open-Source-Fernwartungslösung (Lizenz: AGPL-3.0), in Rust geschrieben. Der Funktionsumfang deckt ab, was die etablierten Werkzeuge im Support-Alltag leisten:

  • Screen sharing und Fernsteuerung – Windows, Linux, macOS, Android und iOS
  • Unattended-Zugriff – die Software läuft als Dienst, Zugriff auch ohne Mitarbeiter am Platz
  • Dateiübertragung, Chat, Clipboard-Sync, Multi-Monitor-Unterstützung
  • Web-Client – für den Zugriff aus einem Browser, ganz ohne installierte Software

Der Unterschied zu TeamViewer und AnyDesk liegt bei einem Baustein: dem Server. RustDesk braucht eine Relay-Infrastruktur, die kann jeder selbst betreiben.

Der entscheidende Punkt: der eigene Relay-Server

RustDesk braucht zwei Serverkomponenten:

  • hbbs – der ID-Server (Rendezvous), der Clients zueinander vermittelt
  • hbbr – der Relay-Server, über den die eigentlichen Sitzungsdaten laufen

Beide laufen als Container-Stack und sind in wenigen Minuten installiert. Der entscheidende Punkt: Die Fernwartungssitzung läuft dann über einen Server in Ihrem eigenen Netz – im Serverraum des Systemhauses oder direkt bei dem Kunden, dessen Platz gewartet wird.

Die Verbindungen sind verschlüsselt, und das Server-Schlüsselpaar wird bei der Installation erzeugt und bleibt im eigenen Haus. Das heißt konkret: Der Hersteller sieht Ihre Fernwartungssitzungen nicht. Der Datenfluss endet auf Ihrem Server.

Die ehrlichen Grenzen

Damit keine falsche Erwartung entsteht:

  • Nicht alles ist in der Open-Source-Variante: Der Adressbuch-Sync über alle Betreuer, benutzerdefiniertes Branding des Clients und eine Management-API gehören zur kostenpflichtigen Pro-Variante. Was wir benötigen, deckt die Open-Source-Version ab – wer die Komfortfunktionen will, zahlt dafür (eine transparente Serverlizenz statt Sitzabos).
  • Einrichtung braucht eine Stunde, keine zwei Minuten: Relay-Server aufsetzen, Ports auf der Firewall öffnen, Key ausrollen. Das ist einmalige Arbeit – mit einem Systemhaus, das das routinemäßig macht, kein Thema, aber es ist eben kein „Download und los”.
  • Jeder Client braucht die Serveradresse: Die RustDesk-Clients müssen mit dem eigenen Relay konfiguriert werden – bei uns über automatisierte Rollout bei betreuten Maschinen, bei Einzelrechnern manuell oder per Config-Datei.
  • Relay-Bandbreite bestimmt das Gefühl: Läuft die Sitzung über Ihren Relay-Server, ist die Empfindung so gut wie die Leitungsanbindung dahinter. Auf engen Anschlüssen merkt man das – wie bei allen Remote-Tools.
  • Mobile-Fernsteuerung ist eingeschränkt: Vom Smartphone aus kann man gut zusehen und einfache Aktionen tun; das echte Admin-Erlebnis bleibt Desktop-Territorium.
  • Klare Ansage zur Herkunft: RustDesk hat chinesische Wurzeln und ist damit kein Europa-Beleg wie Mailcow oder OPNsense. Der Code ist aber vollständig offen und wird von einer aktiven Community geprüft – und entscheidend ist, was im selbst gehosteten Betrieb passiert: Der Datenfluss endet auf Ihrem Server, es fließt nichts zu irgendeinem Hersteller.

So nutzen wir RustDesk im Alltag

Für uns ist RustDesk das Standard-Werkzeug unserer Fernwartung:

  • Arbeitsplatz-Fernwartung: Eine Mitarbeiterin ruft an, das Problem ist beschrieben, wir verbinden uns auf ihren Platz – Windows oder Linux, mit oder ohne sie am Platz (unattended auf den betreuten Maschinen).
  • Im eigenen Netz und bei Kunden: Der Relay-Server läuft in unserer Infrastruktur; auf betreuten Kunden-Maschinen ist RustDesk konfiguriert und erreichbar, sobald sie es brauchen.
  • Hotline-Support: Wenn wir gemeinsam ein Problem durchgehen, zeigt der Mitarbeiter uns den Bildschirm – ohne vorher eine Sitzung in irgendein Portal buchen zu müssen.

Damit ist der Werkzeugwechsel abgeschlossen: Die Fernwartung läuft über ein Werkzeug, das zu unserer Infrastruktur passt, statt über Fremdsystem-Kanäle.

Wie der Fernwartungs-Stack passt

RustDesk ist das letzte Baustein in einer Kette, die wir hier im Blog beschrieben haben:

Das Ergebnis ist ein Fernwartungs-Stack, der genau so funktioniert wie die restliche Infrastruktur: Open Source, selbst gehostet, überwacht – ohne Abhängigkeit von einem fremden Cloud-Dienst.

Wann TeamViewer & Co. noch okay sind

Damit die Balance stimmt: Es gibt Fälle, in denen die etablierten Tools völlig legitim bleiben. Wer die Fernwartung nur sporadisch nutzt und keine Datenschutz-Sensibilität bei der Bildschirminhalte hat, zahlt für Komfort, der einfach funktioniert. Und Kunden mit etablierten Lizenzpaketen, die gerade keine Migrationsthemen haben – für die ist das bestehende Werkzeug erst einmal gut genug. Das ist unsere Einstellung: Werkzeuge folgen der Situation, nicht eine Ideologie.

Unser Fazit

Fernwartung ist Vertrauenssache – und genau deshalb sollte die Plattform, über die sie läuft, kein fremder Cloud-Dienst sein. RustDesk bringt die Funktionalität der etablierten Tools mit, und der eigene Relay-Server sorgt dafür, dass die Sitzungen in Ihrem Netz bleiben: Open Source, verschlüsselt, ohne Sitz-Lizenzen.

Sie möchten Ihre Fernwartung aus der Hersteller-Cloud holen? Sprechen Sie uns an – wir zeigen Ihnen, wie ein selbst gehostetes Fernwartungs-Setup in Ihrem Umfeld aussieht.

Sprechen wir über Ihr Projekt. Wir beraten Sie unverbindlich – On-Premise, Open Source und passend zu Ihrem Unternehmen.

Kontakt aufnehmen →